EU-Bericht: Kultur dauerhaft als Gesundheitsfaktor verankern
Kathrin Kneissel (Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport),
Herwig Ostermann (Geschäftsführer, Gesundheit Österreich GmbH).
Kunst und Kultur werden auf EU-Ebene erstmals systematisch als gesundheitsrelevanter Faktor behandelt: Der neue Bericht „Culture and Health: Time to Act“ fordert, Kultur nicht länger nur über Einzelprojekte mitzudenken, sondern als Gesundheitsfaktor dauerhaft in Strukturen, Zuständigkeiten und Finanzierung zu verankern. Im Zentrum steht damit ein Wechsel von projektbezogenen Maßnahmen hin zu nachhaltiger Umsetzung im System.
Anlass für die Diskussion war die gleichnamige Veranstaltung „Culture and Health: Time to Act“ im Haus der Musik in Wien. Zu der ARTS for HEALTH AUSTRIA (AfHA), das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) sowie die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) eingeladen haben. Präsentiert wurde dabei der EU-Bericht, der Kunst und Kultur als Gesundheitsfaktor auf EU-Ebene stärker politisch rahmt:
- „Dieser Bericht ist nur Papier, wenn wir ihn nicht nutzen. Nehmen Sie ihn, machen Sie ihn lebendig und tragen Sie ihn zu Ihren Entscheidungsträger:innen – in Institutionen, Städten, Regionen und Ländern“, sagte Monica Urian von der Europäischen Kommission (Generaldirektion Bildung, Jugend, Sport und Kultur). „Es gibt jetzt ein Momentum. Wir haben diese Brücke zwischen Kultur und Gesundheit gebaut – aber wir müssen sie am Leben halten.“
- Es gibt eine blühende Wiese an Projekten. Was wir jetzt brauchen, sind bessere Strukturen und vor allem Finanzierung“, sagte Kathrin Kneissel vom BMWKMS. Entscheidend sei das gemeinschaftliche Erleben von Kunst und Kultur als Kern von Arts & Health.
- „Wie können wir beispielsweise Gesundheitsförderung und Prävention nicht nur herkömmlich über Bewegung oder Ernährung adressieren, sondern welche Rolle und welchen Stellenwert kann da eben auch Kunst und Kultur einnehmen“, sagte Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH.
Vom Projekt zur Systematik
Der EU-Bericht basiert auf einem mehrjährigen offenen Koordinierungsprozess aller Mitgliedstaaten und bündelt internationale Evidenz sowie Good-Practice-Beispiele. Er zeigt, dass kulturelle Aktivitäten Stress reduzieren, Wohlbefinden stärken und soziale Isolation verringern können – mit Relevanz für gesellschaftliche Herausforderungen wie Einsamkeit und mentale Gesundheit. Fakten aus dem EU-Bericht, finden Sie kompakt am Ende des Artikels.

„Kunst und Kultur sind kein Luxus. Sie sind wirksame Elemente von Gesundheitsförderung, Prävention und psychosozialer Unterstützung“, sagte Klaus Ropin vom Fonds Gesundes Österreich, der die Veranstaltung gefördert hat. „Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Kultur wirkt, sondern wie wir diese Wirkung nachhaltig absichern – jenseits von Projektlogiken.“
Als zentralen Umsetzungshebel nennt der Bericht Social Prescribing – die strukturierte Anbindung von Menschen mit psychosozialen Bedürfnissen aus der Gesundheitsversorgung an kulturelle, soziale und gemeinschaftliche Angebote.
ARTS for HEALTH AUSTRIA: Umsetzung in Österreich begleiten
ARTS for HEALTH AUSTRIA hat den Prozess in Österreich maßgeblich mit aufgebaut und begleitet die Übertragung europäischer Empfehlungen in die Praxis.
„Die internationale Evidenz zeigt klar, dass kulturelle Teilhabe gesundheitsrelevant ist. Die Aufgabe besteht nun darin, diese Erkenntnisse in tragfähige Strukturen zu übersetzen – gemeinsam mit Gesundheitswesen, Kulturpolitik und Praxis“, sagte Edith Wolf Perez im Haus der Musik, Obfrau von ARTS for HEALTH AUSTRIA. Entscheidend sei, „vom Projektdenken wegzukommen und Kultur und Gesundheit als gemeinsame Verantwortung zu begreifen“.
Österreich: Social Prescribing als Brücke ins System
Österreichische Erfahrungen zeigen laut Veranstaltung, dass dieser Ansatz wirksam und im System anschlussfähig ist. Auswertungen aus Pilotprojekten belegen hohe Zufriedenheit bei Patient:innen und eine Entlastung der medizinischen Versorgung.
„Social Prescribing wird derzeit wirklich positiv diskutiert“, erklärte Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich. „Man sieht einen Nutzen, mit dem man oft gar nicht gerechnet hat – und genau das macht es so wichtig, diese Best Practices zu professionalisieren, zu skalieren und dauerhaft abzusichern.“
Social Prescribing: Konzept und Praxisbeispiele
Was Ostermann als nächsten Schritt benannte, wurde im Programm mit Beispielen konkret: Daniela Rojatz, zuständig für Social Prescribing in Österreich, erklärte Sensibilisierung, Linkworking, Netzwerkmanagement und Qualitätssicherung als Kern. „Social Prescribing soll nicht dem Zufall überlassen werden, sondern auf eine strukturierte Weise mit regionalen Angeboten verbunden werden, um Gesundheit, soziale Teilhabe und Wohlbefinden zu stärken.“
In seinem Beitrag bei der Veranstaltung zeigte Martin Cichocki, Arzt in der Primärversorgung und Fördernehmer des Fördercalls, anhand der Gesundheitssprechstunde, wie Bedarf im Ordinationsalltag zudem erkannt und Betroffene begleitet werden - und warum Social Prescribing „kein Quick Fix“ ist.
Kathrin Dünser, Kuratorin am Vorarlberg Museum, erklärte „Museum auf Rezept“ als niederschwelligen Zugang mit Freikarten und Diskretion für Besucher:innen; langfristig bleibt die Finanzierung der entscheidende Punkt.
Keynote: Mentale Gesundheit junger Menschen
In seiner Keynote betonte der Jugendpsychiater Paul Plener von der Medizinischen Universität Wien und dem Allgemeinen Krankenhaus Wien, dass die mentale Gesundheit junger Menschen zu den drängendsten Fragen der Gegenwart zählt.

„Eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit ist, wie wir die mentale Gesundheit junger Menschen unterstützen“, so Plener. Internationale Daten zeigten steigende psychische Belastungen bei Jugendlichen; kulturelle und künstlerische Aktivitäten könnten messbare Effekte auf Wohlbefinden und Resilienz haben – vorausgesetzt, sie seien in wirksame Strukturen eingebettet.
Ausblick: nächste Schritte und National Call 2026
Die Veranstalter:innen sehen die Tagung als Auftakt für weitere Schritte in Österreich. Im Fokus stehen der Ausbau von Social Prescribing, gemeinsame Qualitäts- und Evaluationsstandards sowie eine stärkere sektorübergreifende Zusammenarbeit – insbesondere mit Blick auf Prävention und Jugend-Mental-Health.
Zur weiteren Umsetzung der Empfehlungen wird 2026 erneut ein nationaler Call von ARTS for HEALTH AUSTRIA ausgeschrieben, um die Entwicklung, Professionalisierung und Verstetigung von Kultur-und-Gesundheit-Initiativen in Österreich gezielt zu unterstützen. Die Ausschreibung erfolgt im Rahmen der CultureAndHealth Platform, einem von der Europäischen Union und dem BMWKMS geförderten Projekt.
Fakten aus dem EU-Bericht „Culture and Health: Time to Act“
- Erstes EU-Policy-Dokument seiner Art: erstes offizielles EU-Strategie- und Politikpapier, das Kultur und Gesundheit systematisch zusammenführt.
- Breite Evidenzbasis: internationale Forschung sowie WHO-Scoping-Review (2019) mit über 3.000 Studien zu positiven Effekten von Kunst und Kultur.
- Hohe subjektive Wirkung: Laut Eurobarometer geben 87 Prozent der Europäer:innen an, dass kulturelle Teilhabe ihr emotionales und körperliches Wohlbefinden verbessert.
- Ökonomischer Nutzen: Internationale Studien – insbesondere aus Großbritannien – zeigen einen Return on Investment von bis zu 1:9
- Zentraler Umsetzungshebel: Empfehlung von Social Prescribing als Schlüsselmechanismus zur strukturierten Einbindung kultureller und gemeinschaftlicher Angebote in Versorgungssysteme.
- Fokus auf vulnerable Gruppen: besondere Wirkung u. a. bei älteren Menschen, Kindern und Jugendlichen, Personen mit psychischen Belastungen sowie bei sozialer Isolation.
Links:
- Link zum EU-Bericht.
- Link zum nationalen Call: National Call 2026 | ARTS for HEALTH AUSTRIA
- Leseempfehlung:Social Prescribing: Pilotprojekt zeigt klare Erfolge in Österreich

