Perspektiven zur Gesundheitsversorgung 2040
Wie kann die Gesundheitsversorgung in Österreich auch in Zukunft für alle Menschen gut erreichbar, qualitativ hochwertig und finanzierbar bleiben? Mit der Veröffentlichung des Berichts „Perspektiven zur Gesundheitsversorgung 2040 – Szenarien für ein leistungsfähiges, nachhaltiges und solidarisches Gesundheitssystem“ liegt eine umfassende Versorgungsanalyse vor, die mögliche Entwicklungspfade für die Gesundheitsversorgung in Österreich bis zum Jahr 2040 aufzeigt. Die Analyse wurde von der Gesundheit Österreich (GÖG) gemeinsam mit BDO und dem Entwicklungs- und Planungsinstitut für Gesundheit (EPIG) im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz erstellt.
Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Menschen auch künftig rasch die passende medizinische Versorgung erhalten können – trotz steigenden Versorgungsbedarfs, knapper werdender Personalressourcen und wachsender finanzieller Herausforderungen.
Die Analyse liefert eine fachliche und evidenzbasierte Grundlage für die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung und zeigt unterschiedliche Entwicklungspfade bis zum Jahr 2040 auf. Die Szenarien wurden anhand von vier zentralen Kriterien entwickelt und bewertet: eine gute Zugänglichkeit, hohe Versorgungsqualität, ein bedarfsgerechter Personaleinsatz und die langfristige Finanzierbarkeit des solidarischen Gesundheitssystems.
Demografischer Wandel und Personalmangel stellen das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen
Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wird in den kommenden Jahren deutlich steigen. Gründe dafür sind vor allem die älter werdende Bevölkerung sowie der medizinische Fortschritt. Gleichzeitig verschärft sich der Mangel an qualifizierten Gesundheitsberufen. Schon heute sind lange Wartezeiten auf Termine, überlastete Spitalsambulanzen und regionale Unterschiede beim Zugang zu medizinischer Versorgung für viele Menschen spürbar.
Die Analyse zeigt: Würde das heutige Versorgungssystem unverändert fortgeführt, wären bis 2040 rund 14 Prozent mehr Ärztinnen und Ärzte in Krankenanstalten, 14 Prozent mehr Allgemeinmediziner:innen, acht Prozent mehr Fachärzt:innen sowie rund 18 Prozent mehr Akutbetten erforderlich. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels wäre dieser zusätzliche Personalbedarf jedoch kaum zu decken.
Grafik: Was passiert, wenn wir weitermachen wie bisher?
| Bis 2040 wären ohne Strukturreformen erforderlich | |
| Ärzt:innen in Krankenanstalten | +14 % |
| Allgemeinmediziner:innen | +14 % |
| Fachärzt:innen | +8 % |
| Akutbetten | +18 % |
| Öffentliche Gesundheitsausgaben | von 7,34 % auf 8,81 % des BIP |
Ohne strukturelle Weiterentwicklungen würden sich diese Herausforderungen künftig noch stärker in längeren Wartezeiten, einem schwierigeren Zugang zur Versorgung und einer steigenden Belastung der Spitalsambulanzen bemerkbar machen.
Integrierte Versorgung als Grundlage der Zukunftsszenarien
Ein gemeinsames Merkmal aller Zukunftsszenarien ist eine stärker integrierte und besser abgestimmte Gesundheitsversorgung. Ziel ist es, Menschen bei gesundheitlichen Beschwerden rasch zur medizinisch passenden Versorgung zu führen und die einzelnen Versorgungsbereiche enger miteinander zu vernetzen.
Die telefonische Gesundheitsberatung 1450 und die Primärversorgung sollen dabei als erste Anlaufstellen Orientierung geben und Patientinnen und Patienten durch das Gesundheitssystem begleiten. Die Primärversorgung soll für viele Menschen zur wohnortnahen Vertrauensordination werden – einer ersten Anlaufstelle, die medizinische Grundversorgung, Orientierung und eine kontinuierliche Begleitung bietet und bei Bedarf den weiteren Versorgungsweg koordiniert.
Leistungsfähige ambulante Fachversorgung, Gesundheitsversorgungszentren und spezialisierte Krankenhäuser greifen dabei eng ineinander, sodass Patientinnen und Patienten möglichst dort behandelt werden, wo ihre Erkrankung medizinisch am besten versorgt werden kann. Eine engere Zusammenarbeit der Versorgungsbereiche soll Doppeluntersuchungen vermeiden, knappe Personalressourcen gezielter einsetzen und die Versorgung langfristig sichern.
Vier Szenarien als Grundlage für den Vergleich
Die Analyse vergleicht insgesamt vier Szenarien. Als Ausgangspunkt dient das Referenzszenario „Inaktivität“ (Szenario 0). Es zeigt, wie sich das Gesundheitssystem entwickeln würde, wenn bestehende Strukturen weitgehend unverändert bleiben und keine zusätzlichen Strukturreformen erfolgen. Dem gegenüber stehen drei Entwicklungsszenarien, die unterschiedliche Möglichkeiten für die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung bis zum Jahr 2040 beschreiben.
Ausgangspunkt der Modellierung war die Frage, auf welcher Versorgungsebene Patientinnen und Patienten medizinisch am besten behandelt werden können. Grundlage dafür bilden die Konzepte der theoretisch ausreichenden Versorgungsstufe (TAVS) und des „Best Point of Service“ (BPoS). Ziel ist es, Menschen möglichst dort zu versorgen, wo ihre Erkrankung medizinisch am besten, wohnortnah und ressourcenschonend behandelt werden kann – sei es in der Primärversorgung, einem Gesundheitsversorgungszentrum oder einem Krankenhaus.
Die vier Szenarien dienen dazu, die Auswirkungen unterschiedlicher Organisationsformen der Gesundheitsversorgung auf Zugänglichkeit, Qualität, Personalbedarf und Finanzierbarkeit vergleichbar zu machen.
| Szenario | Kurzbeschreibung |
| Referenzszenario 0 – Inaktivität | Zeigt, wie sich das Gesundheitssystem entwickelt, wenn bestehende Strukturen weitgehend unverändert bleiben und keine zusätzlichen Strukturreformen erfolgen. Es dient als Referenzszenario. |
| Szenario 1 – Status quo + | Bestehende Reformen werden konsequent weiterentwickelt – insbesondere durch den Ausbau der Primärversorgung, von Gruppenpraxen und digitalen Angeboten. |
| Szenario 2 – Stufenverschiebung | Primärversorgung wird zur zentralen ersten Anlaufstelle, Gesundheitsversorgungszentren bündeln fachärztliche Leistungen und spezialisierte stationäre Versorgung wird stärker konzentriert. |
| Szenario 3 – Idealtypische Neuorganisation | Beschreibt, wie die Gesundheitsversorgung aussehen könnte, wenn sie heute ohne historisch gewachsene Strukturen neu geplant würde. Versorgungseinrichtungen würden ausschließlich nach dem Bedarf der Bevölkerung, der Erreichbarkeit und der medizinisch geeigneten Versorgungsstufe organisiert. Das Szenario dient als fachliches Referenzmodell für die langfristige Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung. |
Ein wichtiger Baustein aller Zukunftsszenarien ist die stärkere Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams. Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonen sowie weitere Gesundheitsberufe sollen ihre jeweiligen Kompetenzen künftig noch stärker entsprechend ihrer Qualifikation einbringen können. Gleichzeitig werden gemeinschaftliche Versorgungsformen wie Primärversorgungseinheiten, Gruppenpraxen oder Gesundheitsversorgungszentren weiter ausgebaut. Dadurch können längere Öffnungszeiten, mehr Leistungen an einem Standort, attraktivere Arbeitsbedingungen und eine bessere Versorgung der Patientinnen und Patienten erreicht werden.
Szenario 2 als vertieft betrachteter Entwicklungspfad
Alle drei Entwicklungsszenarien zeigen gegenüber einem bloßen „Weiter wie bisher“ im Referenzszenario 0 deutliche Verbesserungen. Szenario 2 („Stufenverschiebung“) wird im Bericht vertieft dargestellt, da es die vier zentralen Bewertungsparameter der Analyse – Zugänglichkeit, Qualität, Personal und Finanzierbarkeit – besonders ausgewogen miteinander verbindet. Es zeigt beispielhaft, wie sich die Gesundheitsversorgung durch eine stärkere Primärversorgung, leistungsfähige ambulante Gesundheitsversorgungszentren und die Bündelung spezialisierter stationärer Leistungen langfristig weiterentwickeln könnte, ohne die weitreichenden Strukturveränderungen des idealtypischen Szenarios 3 vorauszusetzen.
Was bedeutet das konkret?
Im Szenario 2 arbeiten die verschiedenen Bereiche der Gesundheitsversorgung enger zusammen. Der Versorgungsweg beginnt in vielen Fällen in der Primärversorgung oder – insbesondere außerhalb der Ordinationszeiten – bei der telefonischen Gesundheitsberatung 1450. Dort erhalten Patientinnen und Patienten eine erste medizinische Einschätzung und Orientierung. Je nach medizinischem Bedarf erfolgt die weitere Versorgung in der Primärversorgung, bei Fachärztinnen und Fachärzten – zunehmend in kooperativen Versorgungsformen wie Gesundheitsversorgungszentren, aber weiterhin auch in Einzelordinationen – oder, wenn erforderlich, im Krankenhaus.
Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: bessere Orientierung, kürzere Wege, weniger Doppeluntersuchungen und besser abgestimmte Behandlungspfade. Gleichzeitig können knappe Personalressourcen gezielter eingesetzt und Spitalsambulanzen entlastet werden. Ziel bleibt eine Versorgung, bei der der rasche Zugang zu qualitätsvoller Behandlung nicht davon abhängt, wo jemand lebt oder ob jemand privat für einen Termin bezahlen kann.
Grundlage für die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung
Die Analyse liefert damit eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung in Österreich. Sie zeigt auf, wie sich unterschiedliche Organisationsformen auf Zugänglichkeit, Qualität, Personalbedarf und Finanzierbarkeit auswirken können – und bietet damit einen fachlichen Orientierungsrahmen für zukünftige Entscheidungen.
Die dargestellten Szenarien sind mit den bestehenden Planungsinstrumenten des österreichischen Gesundheitssystems vereinbar. Sie ersetzen weder den Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) noch die Regionalen Strukturpläne Gesundheit (RSG), sondern können deren Weiterentwicklung durch evidenzbasierte Analysen und langfristige Perspektiven unterstützen.
Damit liefert die Studie eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die weitere Diskussion über die langfristige Sicherung der Gesundheitsversorgung in Österreich. Ziel ist es, die Versorgung auch künftig so zu gestalten, dass Patientinnen und Patienten rasch die richtige Behandlung erhalten und das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem dauerhaft leistungsfähig bleibt.
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