ORF kulturMONTAG: Was Social Media mit Jugendlichen macht - Schönheitsdruck im Feed
Im ORF-kulturMONTAG steht derzeit nicht nur Kunst im Mittelpunkt, sondern auch eine Frage, die viele Jugendliche täglich begleitet: Wie stark prägen Social Media, Filter und perfekt inszenierte Bilder das eigene Körperbild – und was bedeutet das für Selbstwert und psychische Gesundheit?
Während politisch über Altersgrenzen, Plattformverantwortung und Schutzmechanismen diskutiert wird, setzt das Projekt „YOUareART – Ungefiltert schön“ der Gesundheit Österreich genau dort an, wo der Druck entsteht: bei den Bildern selbst – und beim ständigen Vergleich.
Originale statt optimierter Ideale
YOUareART bringt Jugendliche bewusst in den direkten Kontakt mit Kunstwerken. In Workshops in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien und in der Heidi Horten Collection erleben sie, wie sehr „Perfektion“ von Technik abhängt.
Mit Hilfe einer AR-Anwendung werden Kunstwerke digital bearbeitet – geglättet, verändert, optimiert. Der Effekt ist unmittelbar sichtbar: Was zuvor selbstverständlich wirkte, fällt plötzlich auf.
Ziel der Workshops ist es, digitale Schönheitsideale sichtbar zu machen, statt sie als Normalität hinzunehmen – und ein gesundes Körperbild zu stärken.
Wenn Filter plötzlich auffallen
Der kulturMONTAG greift einen zentralen Moment aus den Workshops auf: den Augenblick, in dem Jugendliche erkennen, was Filter tatsächlich verändern. Nicht abstrakt, sondern direkt am Bild.
„Das Original gefällt mir viel besser“, sagt eine Schülerin. „Mit Filter wirkt es irgendwie falsch – das Menschliche geht verloren.“ Eine andere ergänzt, dass unbearbeitete Bilder ehrlicher seien und näher an der eigenen Realität.
Damit wird eine Frage greifbar, die viele Jugendliche aus ihrem Alltag kennen:
Wenn man sich ständig mit bearbeiteten Idealen vergleicht – wie soll das echte Ich da bestehen?
Sendungshinweis: 02.02.2026 – ORF 2 (kulturMONTAG) Beitrag „Ungefiltert schön“.
Zwischen Scrollen und Selbstzweifeln
Im Workshop reflektieren die 15-Jährigen nicht nur Kunst, sondern auch ihre eigene Mediennutzung. Einige berichten offen, wie viel Zeit sie mit Social Media verbringen – manchmal stundenlang, obwohl sie eigentlich lernen oder sich mit Freund:innen treffen könnten.
Andere sprechen darüber, wie früh Vergleiche beginnen und wie schnell Unsicherheit entsteht. Der Druck, mithalten zu müssen, könne zu Unzufriedenheit und Komplexen führen – das merken viele auch an sich selbst.
Gemeinsam mit einer Kunstvermittlerin und einem Psychologen diskutieren die Jugendlichen Fragen wie:
- Muss man für Schönheit leiden?
- Sind Influencer wirklich das Maß aller Dinge?
- Braucht wahre Schönheit digitale Bearbeitung?
Auf einer Skala von eins bis sechs schätzen sie ein, ob sie sich mit Filtern schöner finden. Eine Schülerin entscheidet sich bewusst für die Mitte: Persönlichkeit sei wichtiger als äußere Perfektion – auch wenn Aussehen trotzdem eine Rolle spiele. Und ja, zu sich selbst sei man oft strenger als zu anderen.
Schönheit im Wandel der Zeit
Anhand historischer und zeitgenössischer Kunstwerke wird deutlich: Schönheitsideale verändern sich. Ausdruck, Gefühl und Individualität standen nicht immer im Widerspruch zu Schönheit – im Gegenteil.
Als ein Gemälde digital „optimiert“ wird, fällt die Entscheidung klar aus: Die Mehrheit bevorzugt das Original. Es wirke menschlicher, glaubwürdiger, näher.
Die Jugendlichen diskutieren auch aktuelle politische Vorstöße, Social Media für Jüngere einzuschränken. Die Meinungen gehen auseinander: Manche wünschen sich klare Altersgrenzen, andere warnen davor, junge Menschen von Information und Austausch auszuschließen. Ein Verbot allein, so der Tenor, löse nicht alle Probleme.
Und was ist mit Social-Media-Verboten?
Parallel dazu wird politisch diskutiert, wie Jugendliche besser geschützt werden können: Mindestalter-Regelungen, stärkere Pflichten für Plattformbetreiber, mehr Transparenz bei Algorithmen und der Ausbau von Medienkompetenz stehen im Raum. In Österreich wurde dazu ein Gesetzesentwurf bis zum Sommer angekündigt, inklusive stärkerer Verantwortung für Plattformen und empfindlicher Sanktionen bei Verstößen – orientiert am europäischen Rahmen des Digital Services Act.
EU-weit nimmt die Debatte ebenfalls Fahrt auf: Staaten wie Frankreich und Dänemark arbeiten an nationalen Regeln, während in Brüssel an einer gemeinsamen Lösung gearbeitet wird – unter anderem rund um eine verlässliche Altersfeststellung und die Frage, wie die Durchsetzung praktisch funktionieren kann.
Zum Schluss: echte Selbstporträts
Am Ende des YOUareART-Workshops gestalten die Schüler:innen handgemachte Selbstporträts – ganz ohne Filter. Einzigartige Originale, die keinen Vergleich brauchen und in keinem sozialen Netzwerk genauso existieren könnten.
Die kostenlosen Workshops für Schulklassen werden aktuell in der Heidi Horten Collection und an der Akademie der bildenden Künste Wien angeboten. Ziel ist es, das Projekt auch auf weitere Museen – in Wien und in den Bundesländern – auszuweiten.
Gegen den Optimierungsdruck: „Jede:r ist Kunst“
Deutlich wird wie viele Ebenen bei YOUareART zusammenspielen. Verena Kaspar-Eisert, Direktorin der Heidi Horten Collection, verweist auf die Idee, Finanzierung, Vermittlung und Kommunikation. Erst dadurch könne ein Projekt dieser Art Wirkung entfalten. Entscheidend sei dabei die inhaltliche Durchdachtheit – und dass sichtbar werde, wie Jugendliche tatsächlich davon profitieren. Besonders wertvoll sei es, dass nun auch jene Einblick bekommen, die sonst im Hintergrund arbeiten, und erleben können, was das Projekt bei jungen Menschen auslöst.
YOUareART wolle Jugendlichen vor allem eines vermitteln: sich selbst nicht permanent optimieren zu müssen. Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich, beschreibt das Projekt als Ermutigung, sich authentisch zu zeigen. Jede und jeder sei ein eigenes „Kunstwerk“. Gleichzeitig zeige YOUareART, wie aus einer Idee durch klare Strukturen, Kooperationen und den passenden Rahmen ein wirksames Angebot entstehen könne. Kunst, Gesundheit und soziale Entwicklung seien eng miteinander verbunden – und ihr Zusammenspiel stärke letztlich die Jugendlichen.
Das Projekt richtet sich dabei nicht nur an junge Menschen selbst, sondern auch an Eltern, Pädagog:innen und alle, die sich mit Fragen von Körperbild, digitaler Verantwortung und dem Umgang mit sozialen Medien auseinandersetzen.
Einordnung: Social Media, Design und Verantwortung
Im abschließenden ORF-Interview ordnet Desirée Schmuck, Professorin für Medienwandel und Medieninnovation an der Universität Wien, die Debatte ein. Sie erklärt, dass viele Plattformen bewusst mit suchtförderndem Design arbeiten: endloses Scrollen, algorithmisch ausgewählte Inhalte, permanente Reize. Das erschwere nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen, den Konsum zu begrenzen.
Studien zeigen zunehmend Zusammenhänge zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und depressiven Symptomen, geringerer Lebenszufriedenheit sowie Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns. Es gehe also nicht nur um verlorene Zeit, sondern um ernsthafte gesundheitliche Effekte. Als aktuelles Beispiel dient Australien: Seit Dezember 2025 dürfen Unter-16-Jährige dort keine Social-Media-Konten nutzen. Erste Beobachtungen deuten auf mehr Offline-Aktivitäten hin, belastbare Langzeitdaten liegen noch nicht vor.
Mehr als ein Verbot
Medienkompetenz bleibt laut Schmuck eine wichtige Begleitmaßnahme, kann allein jedoch nicht vor problematischen Plattformmechanismen schützen. Langfristig seien europäische Lösungen nötig – etwa sichere Altersverifikation durch staatliche Systeme, ohne dass sensible Daten an Konzerne weitergegeben werden.
Das Thema werde die Gesellschaft länger beschäftigen – in Politik, Wissenschaft und Kultur.
Mehr als ein Workshop: Ein sicherer Raum gegen Vergleichsdruck
Zurück zum Projekt YOUareART: Das kein einmaliges Vermittlungsformat ist, sondern ein geschützter Raum für Reflexion und Kreativität. In kostenlosen Workshops in der Heidi Horten Collection und der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien arbeiten Kunstvermittler:innen und Psycholog:innen gemeinsam mit Jugendlichen.
Im direkten Kontakt mit Originalen wird erfahrbar: Schönheitsvorstellungen sind nie statisch, heutige Ideale werden stark von Social-Media-Mechanismen, Bildbearbeitung und Algorithmen geprägt.
Neben Gesprächen entstehen kreative Arbeiten: Polaroid-Selbstporträts, persönliche Signaturen, expressionistische Porträts oder Selbstbilder in Pflanzenform. Die Werke nehmen die Jugendlichen mit nach Hause – als bewusster Gegenentwurf zum digitalen Dauervergleich.
Im Zentrum stehen Fragen, die im Alltag oft untergehen:
- Wie fühlt es sich an, ständig verglichen zu werden?
- Wer entscheidet, was schön ist?
- Was bleibt von Persönlichkeit, wenn Perfektion zur Erwartung wird?
Schönheit braucht keinen Filter

© BKA / Andy Wenzel
„Wir wollen Jugendlichen Mut machen, ihr eigenes Bild von Schönheit zu entwickeln – eines, das auf Selbstvertrauen basiert, nicht auf Vergleich“, sagt Gesundheitsministerin Korinna Schumann.
Träger:innen des Projekts sind das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, die Gesundheit Österreich GmbH, FEM Süd (und MEN), die Akademie der bildenden Künste Wien, die Heidi Horten Collection und die Kreativagentur dasWeil. Gemeinsam setzen sie ein Zeichen für Vielfalt, mentale Gesundheit und digitale Selbstbestimmung. Finanziert aus Mitteln der Agenda Gesundheitsförderung und des Fonds Gesundes Österreich.
Wissenschaftliche Einordnung
Mag.a Eva Trettler, Klinische und Gesundheitspsychologin (FEM Süd), begleitet die Workshops. „Wir schaffen einen sicheren Raum – ohne Bewertung und ohne Druck. In dem Jugendliche über Social Media, Filter und Selbstbild sprechen können – nah an ihren Erfahrungen, ohne Druck“
Erhebungen zeigen:
- Über die Hälfte der 11- bis 17-Jährigen möchte etwas am eigenen Aussehen verändern.
- Rund zwei Drittel wünschen sich mehr Selbstakzeptanz.
- Viele erleben Vergleiche durch soziale Netzwerke, nutzen Filter – und fast drei Viertel haben beobachtet, dass Menschen online wegen ihres Aussehens beleidigt werden.
EU-Bericht: Kultur und Gesundheit zusammendenken
Das Projekt YOUareART zeigt eine Brücke zwischen Kunst, Kultur und Gesundheit. Unterstützt wird dies durch den aktuellen EU-Bericht Culture and Health: Time to Act beschreibt Kultur als evidenzbasierten Gesundheitsfaktor. Kulturelle Teilhabe kann Wohlbefinden stärken; europaweite Befragungen zeigen hohe positive Effekte auf emotionales und körperliches Erleben. Internationale Analysen weisen zudem auf gesellschaftlichen Nutzen hin, etwa einen Return on Investment von rund 1:9.
Hilfe und Anlaufstellen
Für Jugendliche, die belastende Erfahrungen machen gibt es hier Unterstützung:
- Rat auf Draht - 147
- Hotline für Essstörungen WiG - 0800 20 11 20
- FEM / FEM Süd / FEM Med / MEN - Das Institut für Frauen- und Männergesundheit
- Schulpsychologische Beratungsstellen
- Die Boje, Gesund aus der Krise, feel-ok, Talkbox der Stadt Wien
Weitere Informationen:
- Nachschau kulturMONTAG ORF ON
- Website YOUareART
- Link zum EU-Bericht - Culture and Health.
- Jugend: Beratung & Hilfe auf gesundheit.gv.at
Kurz-Zusammenfassung:
Laufzeit: Jänner 2025 bis Juni 2026, Kompetenzzentrum Zukunft Gesundheitsförderung, Gesundheit Österreich
Workshops: kostenlos, Anmeldung via info@YOUareART.at
Mitmachen: Beiträge unter #YOUareART
Projektstand: Über 400 Jugendliche haben bereits teilgenommen, mehr als 1.000 sind angemeldet
Finanzierung: Agenda Gesundheitsförderung und des Fonds Gesundes Österreich.
Pessekontakt:
Gesundheit Österreich GmbH
Telefon: 0664 848 191 - 323
E-Mail: kommunikation@goeg.at
Redaktion: Georg Gatnar




