ESPAD 2024: Jugendkonsum im Wandel – Suchtverhalten und Trends
Die ESPAD-Erhebung (European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs) ist die weltweit größte Schülerbefragung zu Konsum- und Verhaltensweisen mit Suchtpotenzial (Alkohol, Nikotinprodukte, illegale Substanzen, Glücksspiel sowie digitale Medien). Diese Erhebung wurde in Österreich im Jahr 2024 zum insgesamt fünften Mal (nach 2003, 2007, 2015 und 2019) und zum dritten Mal online durchgeführt.
Methode
Die bereinigte Stichprobe setzt sich aus 7.735 Schülerinnen und Schülern der neunten und zehnten Schulstufe (aus 412 Klassen und 224 Schulen aller Schultypen – mit Ausnahme von Schulen des Sonderschulwesens) im Alter zwischen 14 und 17 Jahren zusammen. Die Zufallsstichprobe wurde nachträglich nach Schultyp und Geschlecht gewichtet und entspricht somit in Hinblick auf diese Parameter einer repräsentativen Stichprobe von Schülerinnen und Schülern der ausgewählten Schulstufen.
Ergebnisse
Sechs von zehn Jugendlichen haben in den letzten 30 Tagen Alkohol konsumiert, jeweils etwa jede:r Fünfte trinkt regelmäßig (6-mal oder mehr pro Monat) Alkohol oder berichtet von mindestens einer starken Berauschung in den letzten 30 Tagen. Zwischen 3 und 5 Prozent der befragten Schüler:innen erfüllen unterschiedliche Indikatoren für einen risikobehafteten Alkoholkonsum, und 9 Prozent der Schüler:innen (11 % der Burschen und 7 % der Mädchen) erfüllen zumindest einen dieser Indikatoren.
Mädchen trinken etwa gleich oft wie Burschen Alkohol, aber in einem weniger intensiven Ausmaß und seltener risikobelastet. Unterschiede zwischen Schultypen sind in Bezug auf Probierkonsum gering ausgeprägt, Schüler:innen aus PTS berichten hingegen deutlich häufiger hochfrequenten Konsum, Rauscherfahrungen oder einen stark risikobehafteten Alkoholkonsum.
Langfristig ist die Alkoholkonsumfrequenz deutlich rückläufig: Zwischen 2007 und 2024 hat sich der Anteil der Jugendlichen, die noch nie Alkohol konsumiert haben, vervierfacht und der Anteil der Jugendlichen, die in den letzten 30 Tagen keinen Alkohol konsumier haben, verdoppelt. Werden Zigaretten, E-Zigaretten, Nikotinbeutel, Wasserpfeife und Tabakerhitzer gemeinsam betrachtet, haben 57 Prozent der befragten Schüler:innen in ihrem Leben schon mindestens einmal eines dieser Produkte konsumiert. 37 Prozent haben dies in den letzten 30 Tagen getan, und 18 Prozent nutzen zumindest eines dieser Produkte täglich oder fast täglich.
Jugendlicher Tabak- und Nikotinkonsum findet auf unterschiedliche Arten statt, und der Konsum von Zigaretten (23 %), E-Zigaretten (29 %) und Nikotinbeuteln (17 %) in den letzten 30 Tagen ist weit verbreitet. Zwei Drittel der aktuellen Tabak- und/oder Nikotinkonsumierenden geben an, in den letzten 30 Tagen mehr als nur ein tabak- oder nikotinhaltiges Produkt konsumiert zu haben, wobei insbesondere Dual Use elektronischer Inhalationsprodukte (etwa E-Zigaretten und/oder Tabakerhitzer) und herkömmlicher Zigaretten häufig vorkommt.
Männliche Jugendliche berichten häufiger von Erfahrungen mit Nikotinbeuteln, weibliche Jugendliche berichten häufiger Konsum von E-Zigaretten. Beim Konsum von Zigaretten, Wasserpfeifen (Shishas) und Tabakerhitzern bestehen keine nennenswerten Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen. Schüler:innen aus polytechnischen Schulen / Berufsschulen konsumieren sämtliche Tabak- und/oder Nikotinprodukte deutlich häufiger als Schüler:innen anderer Schulen.
E-Zigaretten sind das häufigste Einstiegsprodukt für Nikotinkonsum bei Jugendlichen, während Erstkonsumerfahrungen mit herkömmlichen Zigaretten abnehmen. Auch Wasserpfeifen und Nikotinbeutel werden in einem relevanten Ausmaß von Personen genutzt, die wenig oder gar keine Erfahrung mit herkömmlichen Zigaretten haben.
Zwischen 2003 und 2024 nahm der Konsum herkömmlicher Zigaretten in den letzten 30 Tagen von knapp der Hälfte der Befragten (49 %) auf unter ein Viertel der Befragten (23 %) ab. In dem gleichen Zeitraum hat sich der Konsum von E-Zigaretten vervierfacht (von 7 % auf 29 %) und damit den Konsum herkömmlicher Zigaretten übertroffen. 18 Prozent der befragten Schüler:innen haben schon mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert, 14 Prozent in den letzten 12 Monaten und 7 Prozent in den letzten 30 Tagen. Cannabiskonsum findet meistens eher sporadisch statt (1- bis 2-mal pro Monat). Bei etwa zwei Prozent der Befragten bestehen Hinweise auf einen problematischen Cannabiskonsum (hohe Frequenz und gleichzeitiges Vorliegen von Symptomen einer problematischen Nutzung).
Burschen konsumieren Cannabis häufiger als Mädchen, und Jugendliche aus PTS/BS berichten häufiger von Cannabiserfahrungen als AHS- oder BHS-/BMS-Schüler:innen. Über die letzten zwei Jahrzehnte hat sich der Cannabiskonsum in Österreich kaum verändert.
Schnüffelstoffe, die Mischung aus Alkohol und Medikamenten, um high zu werden, sowie Lachgas sind jene Substanzen bzw. Substanzkombinationen, mit denen Jugendliche abseits von Alkohol, Nikotinprodukten und Cannabis am häufigsten Erfahrungen machen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei aber eher um Probierkonsum und nicht um regelmäßige Konsummuster. Konsumerfahrungen mit NPS werden häufiger berichtet als solche mit „klassischen“ illegalen Substanzen wie Kokain, Ecstasy oder Amphetamin.
Jeder oder jede zehnte Schüler:in hat schon einmal im Leben an Glücksspielen teilgenommen. Burschen berichten viermal so häufig die Teilnahme an Glücksspielen wie Mädchen. Wöchentliches Glücksspiel wird hingegen nur von sehr wenigen Schülerinnen und Schülern berichtet. Schüler:innen aus PTS/BS machen fast doppelt so häufig Erfahrungen mit Glücksspiel als Schüler:innen aus anderen Schultypen. Glücksspiele werden in einem ähnlich hohen Ausmaß in Form terrestrischer Angebote und in Form von Onlineangeboten gespielt.
Ein Drittel der befragten Schüler:innen spielt täglich digitale Spiele, Burschen tun dies deutlich häufiger als Mädchen. Im Gegensatz zu Erfahrungen mit Substanzkonsum nimmt der Anteil der täglichen Nutzung von Computerspielen mit zunehmendem Alter ab. Etwa zwei Prozent der Befragten zeigen Hinweise auf eine Computerspielstörung; bei Burschen fällt diese Schätzung doppelt so hoch aus wie bei Mädchen. Für zehn Prozent der befragten Schüler:innen gibt es Hinweise auf eine problematische Nutzung von Social Media; bei Mädchen ist dies häufiger (12 %) der Fall als bei Burschen (7 %).
Ein Viertel aller befragten Jugendlichen (26 %) weist ein niedriges Wohlbefinden auf, und jede:r Zehnte zeigt Indizien für hohe psychische Belastungen; Mädchen sind davon häufiger betroffen als Burschen. Auch der steigende Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln weist auf die hohe Bedeutung psychischer Belastungen hin. Für alle Substanzen und Verhaltensweisen sowie für beide Geschlechter gilt, dass insbesondere Indikatoren eines intensiveren Konsum- bzw. Nutzungsverhaltens deutlich mit moderaten bis starken psychischen Belastungen bzw. einem reduzierten Wohlbefinden korrelieren.
Schlussfolgerungen
Die aktuellen Zahlen der ESPAD-Erhebung 2024 weisen auf eine zunehmende Diversifizierung jugendlichen Substanzkonsums hin: herkömmliche Zigaretten und Alkoholkonsum sind rückläufig, wohingegen neue Produkte wie z. B. Nikotinbeutel oder E-Zigaretten deutlich zugenommen haben und auch für andere bislang selten beobachtete Konsumverhaltensweisen höhere Prävalenzraten berichtet werden als zuvor. Social-Media-Nutzung wird von einer großen Zahl der Schüler:innen als problematisch erlebt und als größeres Problem wahrgenommen als Glücksspiel oder digitale Spiele. Unterschiede in suchtrelevanten Konsum- und Verhaltensweisen nach Schultypen sind stark ausgeprägt, und zudem sind diese Verhaltensweisen von einem engen Zusammenhang mit psychosozialem Wohlbefinden gekennzeichnet.
Zum vollständigen Bericht:
